Rauschen der Formen
Mit Rauschen der Formen wird das Atelier FRIDA der Lebenshilfe Lörrach erstmals in einem musealen Ausstellungskontext gemeinsam mit zwei eingeladenen künstlerischen Positionen präsentiert. Die Ausstellung im Museum am Lindenplatz eröffnet heute am 27. März um 18 Uhr und rückt eine Kunstpraxis ins Zentrum, die konsequent von den Rändern her denkt – und damit grundlegende Fragen nach Teilhabe, Sichtbarkeit und kultureller Wertschätzung stellt.
Kunst als Raum der Selbstermächtigung
Seit seiner Gründung 2015 ist das Atelier FRIDA in Lörrach ein professionell begleiteter Arbeitsort für neurodiverse Künstler:innen und Menschen mit Behinderung. Hier entstehen kontinuierlich eigenständige malerische Positionen – jenseits von therapeutischer Zuschreibung oder sozialromantischer Vereinnahmung. FRIDA versteht sich nicht als Beschäftigungsangebot, sondern als künstlerischer Produktionsort. Im Mittelpunkt steht die individuelle Bildfindung: das Erproben von Techniken, das Entwickeln einer eigenen Handschrift und die Auseinandersetzung mit persönlichen wie gesellschaftlichen Themen.
In kulturpolitischer Hinsicht steht das Atelier FRIDA exemplarisch für eine inklusive Kulturlandschaft, die Diversität nicht als Zusatz, sondern als strukturelle Notwendigkeit begreift. Während kulturelle Institutionen vielerorts noch um nachhaltige Zugänge ringen, wird Inklusion hier seit über einem Jahrzehnt praktiziert – als selbstverständlicher Bestandteil künstlerischer Arbeit.
Die im Atelier entstehenden Werke stehen in Beziehung zur sogenannten Art Brut, einem Begriff, den Jean Dubuffet in den 1940er Jahren für das Kunstschaffen gesellschaftlicher Randgruppen prägte. Gleichzeitig überschreiten die Arbeiten diese kunsthistorische Kategorie: Sie behaupten sich als zeitgenössische Positionen mit eigenständiger ästhetischer Qualität.
Malerei im Dialog
Im Zentrum der Ausstellung stehen Arbeiten von Peter Ehrlich, Maik Fechner, Simone Lieber, Salvatore Mangiapane, Carmen Schäuble und Sandra Stankiewitz. Ihre Malerei zeichnet sich durch intensive Farbigkeit, eigenwillige Formfindungen und eine unmittelbare Bildsprache aus. Ergänzt wird die Präsentation durch eigens entwickelte Werke von Katharina Kemmerling und andreasschneider, die auf die malerischen Positionen reagieren.
Katharina Kemmerling verbindet in ihrer Installation XenoTerraFlux textile, gehäkelte Stalagmiten und bewegliche Mobile zu organisch anmutenden Formationen. Inspiriert von mikroskopischen Strukturen wie Pilzgeflechten, Bärtierchen oder Darmschleimhaut entstehen hybride Gebilde zwischen wissenschaftlicher Referenz, Körperlichkeit und spekulativer Landschaft.
andreasschneider entwickelte einen neuen Werkzyklus ausgehend vom Song Oh Yeah (1987) des Schweizer Duos Yello sowie vom Kinderlied Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne. Seine Skulpturen greifen Motive wie Sonne, Mond, Wolken und Wellen auf. Das Rauschen des Wassers verbindet sich mit der Weite des Himmels – eine Formensprache, die in Resonanz zur expressiven Malerei des Atelier FRIDA tritt.
Kunst jenseits von Zuschreibungen
Rauschen der Formen versteht sich als künstlerischer Dialog auf Augenhöhe. Unterschiedliche Biografien, Arbeitsweisen und ästhetische Strategien begegnen sich ohne Hierarchisierung. Die Ausstellung plädiert damit implizit für eine Erweiterung des Kunstbegriffs – und für eine Kulturpolitik, die strukturelle Barrieren abbaut, statt Differenzen zu verstärken. Gerade in Zeiten, in denen gesellschaftliche Teilhabe intensiv diskutiert wird, zeigt diese Ausstellung, wie künstlerische Praxis Räume öffnen kann: für neue Perspektiven, neue Allianzen und neue Formen des Miteinanders.
Kuratiert wurde die Ausstellung von Dr. Isabel Balzer und Dr. Leena Crasemann in Zusammenarbeit mit Christiane Puppel (Leitung Atelier FRIDA) und Kathrin Schröder-Meiburg (Lebenshilfe Lörrach e.V.) sowie den beteiligten Künstler:innen. Die Ausstellung wird großzügig unterstützt von der Sparkasse Markgräflerland, dem Trinationaler Eurodistrict Basel TEB, Lebenshilfe Lörrach, Café Einzigartig Basel sowie Anrufkultur.
Rahmenprogramm
27. März, 18 Uhr
Ausstellungseröffnung
25. April, 16 Uhr
Führung für Menschen mit Sehbehinderung und Blinde mit Leena Crasemann
17. Mai, 15 Uhr
Ausstellungsrundgang mit Christiane Puppel, Leiterin Atelier FRIDA
28. Mai, 18 Uhr
anrufkultur – barrierefreie Kunstführungen via Zoom mit Leena Crasemann
30. Mai, 16 Uhr
Künstlergespräch mit andreasschneider
6. Juni, 15 Uhr
Workshop inklusiv für Erwachsene mit Katharina Kemmerling
21. Juni, 16 Uhr
Kuratorinnenführung mit Isabel Balzer
12. Juli, 14 Uhr
Museumsfest und Finissage