Flanieren und verweilen statt Lärm und Eile

 Gemeinderat der Stadt Weil am Rhein spricht sich mit breiter Mehrheit für die Einführung einer Fußgängerzone aus

Mit der Fußgängerzone wird ein stadtplanerischer Schwerpunkt gesetzt - weg vom motorisierten Verkehr im Zentrum, hin zu mehr Aufenthalts- und Lebensqualität mit langsamen Bewegungsformen. Bildquelle: Stadtverwaltung Weil am Rhein / Bähr

Bummeln statt brettern: Bei nur zwei Gegenstimmen und einer Enthaltung hat sich der Gemeinderat in seiner jüngsten Sitzung eindeutig für die Einrichtung einer Fußgängerzone zwischen Sparkassen- und Schlaufenkreisel ausgesprochen. Parallel zur Eröffnung der Dreiländergalerie, die für den 29. September angekündigt ist, soll dieser Abschnitt für den motorisierten Verkehr gesperrt werden. Stattdessen soll ein Ort der Begegnung entstehen. Hier sollen Einkaufen, Schlemmen und Verweilen großgeschrieben werden. 
 
„Das war ein sehr eindeutiger Beschluss der Räte- und Rätinnen. Wir nehmen diesen Auftrag gerne mit. Die Aufenthaltsqualität in unserer Innenstadt ist eines der strategischen Ziele, die sich der Gemeinderat gesetzt hat. Wir wollen die Stadt attraktiver machen und damit die Verweildauer erhöhen“, macht Oberbürgermeister Wolfgang Dietz deutlich. „Das ist eine fundamentale Entscheidung für die Stadtstruktur von Weil am Rhein.“
 
„Unser Ziel ist eine attraktive, zentrumsbildende Hauptstraße mit Aufenthaltssteigerung für Anwohnende, Bürgerinnen und Bürger sowie Touristen“, meint Bürgermeister Martin Gruner und spricht von einer „wichtigen stadtplanerischen Entscheidung“. Man wolle diesen Weg gehen und einen Paradigmenwechsel einläuten. „Wir setzen nun einen anderen stadtplanerischen Schwerpunkt - weg vom motorisierten Verkehr im Zentrum, hin zu mehr Aufenthalts- und Lebensqualität mit langsamen Bewegungsformen.“
 
Die Stadtverwaltung wird nun den rechtlichen Rahmen schaffen und den Kontakt zu den Gewerbetreibenden in der Hauptstraße aufnehmen, um in einem konstruktiven Austausch die Umsetzung dieser Maßnahme weiter zu erörtern. Natürlich ist auch eine Bürgerinformation in naher Zukunft geplant, um mit den Anwohnerinnen und Anwohnern der Hauptstraße sowie der angrenzenden Gebiete, in Kontakt zu treten, Sorgen und Nöte aufzunehmen und in die weiteren Planungen einzubeziehen.
 
Seit vielen Jahren wird über die Einführung einer Fußgängerzone in diesem Bereich gesprochen, sinniert und diskutiert. Befragungen, Beteiligungsformate und strategische Ziele führten immer wieder zu positiven Einschätzungen für einen solchen Schritt. Zuletzt zeigte das Beteiligungsprojekt „Vielfalt (er) leben“ deutlich auf, das in der Bevölkerung eine Fußgängerzone gewünscht wird. Dabei war es den beteiligten Bürgerinnen und Bürger wichtig, dass diese so gestaltet wird, dass sie zum Verweilen einlädt, Begegnungsmöglichkeiten entstehen und diese entsprechend bespielt werden können. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Projekts sahen die Maßnahme auch als Chance an, das Miteinander in der Stadt und die Identifikation mit der Stadt zu stärken.
 

Startpunkt
Als Startpunkt für die Einführung einer Fußgängerzone erscheint die Eröffnung der Dreiländergalerie Ende September aus Sicht von Bürgermeister Martin Gruner geradezu ideal. „Dann ist zum einen die B3 wieder komplett befahrbar, zum anderen können wir von Eröffnungsbeginn an den Besucherinnen und Besuchern die neuen Streckenführungen ins Bewusstsein rücken“, so Gruner.
 
Verkehrsführung
Eine ohne Einschränkungen befahrbare B3 ist denn auch die Voraussetzung sowohl für die Eröffnung des neuen Einkaufszentrums auf der Hangkante als auch für die Fußgängerzone, da zu diesem Zeitpunkt das Vorrangstraßennetz mit B3 und B317 wieder voll zur Verfügung steht. Über diese Straßen kann der Durchgangsverkehr abgewickelt werden. Mit der Konsequenz, dass in der Hauptstraße kein Durchgangsverkehr stattfinden muss. „Es ist schlicht nicht nötig, diesen Weg durch das Zentrum zu nehmen, um von Osten in den Norden zu kommen“, macht Gruner klar. Um Ausweichverkehre zu verhindern, wird es für den westlichen Teil der Gartenstraße eine Einbahnregelung geben.
 
Parkplätze
Auch das Thema Parkplätze sei mehr als zufriedenstellend gelöst, wenn die 550 öffentlich nutzbaren Stellplätze in der Dreiländergalerie zur Verfügung stehen. „Gemeinsam mit dem Parkhaus der Einkaufsinsel erhöht sich diese Zahl auf über 1000 Stellplätze“, erklärt der Bürgermeister. Weiterhin stünden den Besucherinnen und Besuchern der Innenstadt in nächster Nähe weitere Stellplätze am Sparkassenkreisel, sowohl oberirdisch als auch in der Tiefgarage zur Verfügung. Darüber hinaus können zukünftig auch die Parkplätze beim neuen Sparkassengebäude am Messeplatz samstags und sonntags genutzt werden. „Der Verlust von 31 öffentlichen Stellplätzen in der Fußgängerzone kann damit deutlich kompensiert werden“, sagt Gruner.
 
Ausnahmen
Die verkehrsrechtliche Beschilderung wird deutlich zum Ausdruck bringen, dass die Hauptstraße zwischen Schlaufenkreisel und Bühlstraße zukünftig für den Kfz-Verkehr gesperrt ist. Aber es gibt Ausnahmen: Der öffentliche Personennahverkehr (Bus) wird bis zur Einführung einer möglichen Verlängerung der Tramlinie 8 + die Fußgängerzone mitbenutzen. Der Busverkehr erhält die Berechtigung, die Fußgängerzone im Schritttempo zu passieren. Dasselbe gilt für Blaulichtdienste sowie Anlieger mit privaten Stellplätzen, die ausschließlich von der Hauptstraße anfahrbar sind. Anlieferverkehr soll, so ist es geplant, morgens zwischen 6 und 10 Uhr erlaubt sein. Analog zum versenkbaren Poller vor der Stadtbibliothek (Müllheimer Straße) werden auch in der Hauptstraße auf Höhe des Sparkassenplatzes sowie des Schlaufenkreisels zwei versenkbare Poller installiert.
 
Velos
Radfahrerinnen und – fahrer müssen ihr Velo auf diesem Abschnitt schieben. „Hier haben wir in erster Linie das Thema Sicherheit im Blick“, meint Gruner und verweist auf die parallel zur Fußgängerzone vorhandenen Straßen. Auf diesen gelangen die Radfahrenden problemlos von Ost nach West und umgekehrt. Eindeutige Nutznießer der Regelung werden Fußgängerinnen und Fußgänger sein, die gemäß § 25 der Straßenverkehrsordnung auch bei Zulassung anderer Verkehrsarten durch Zusatzzeichen absoluten Vorrang haben. „Sie können flanieren, bummeln und ganz bequem die Straße queren“, erläutert Gruner. „Wir wollen motorisierten Verkehr auf der Hauptstraße weitmöglichst vermeiden - stattdessen soll der Fußverkehr fließen.“
 
Gestaltung
Die Gestaltung der Fußgängerzone erfolgt in zwei Etappen – nämlich als Umgestaltungszustand bis zur geplanten Einführung der Tram 8+ (2026) und dem Endzustand mit Tram 8+ (2028). Der Umgestaltungszustand soll mit dem Endzustand weitestgehend kompatibel sein. Soll heißen: Die Standorte der versenkbaren Poller werden beispielsweise so gewählt sein, dass diese den derzeitig vorgesehenen Tramverlängerungsachsen nicht im Weg stehen. Temporäre Stadtmöbel und Grünelemente sollen in der ersten Phase zum Einsatz kommen. In Abstimmung mit den Gewerbetreibenden in der Fußgängerzone könnten auch deren Ausstattungselemente in den neu gewonnenen öffentlichen Raum integriert werden.
 
Kosten
Mit Einrichtung der Fußgängerzone werde diverse Umbaumaßnahmen, wie das Anlegen von Grünelemente, das Aufstellen mobiler Elemente oder auch den Einbau versenkbarer Poller, einhergehen. Dafür stehen im laufenden Haushalt bereits 50 000 Euro zur Verfügung. Weitere Finanzmittel in Höhe von 200 000 Euro werden für die Umsetzung im Haushalt des Jahres 2023 angemeldet werden.
 
Projektablauf
„Wir glauben, dass wir die Stadt mit dieser Entscheidung entscheidend voranbringen werden. Das ist eine wegweisende Entscheidung“, lässt Stadtbauamtsleiter Christian Renner wissen. Dass nicht gleich vom ersten Tag an alles perfekt laufen werde, daraus macht Bürgermeister Gruner keinen Hehl, der mit seinem Dezernat bei der Umsetzung eine zentrale Rolle übernimmt. Zumal auch die Lieferzeit der Poller drei bis vier Monate betrage. „Es ist aber dennoch wichtig, den Übergangsschritt mit der Eröffnung der Dreiländergalerie in Angriff zu nehmen“, so Gruner. Der Mensch sei ein Gewohnheitstier, der einfach eine gewisse Zeit benötigte, um sich umzustellen, warb Oberbürgermeister Wolfgang Dietz um etwas Geduld. „Wir stehen ja am Anfang des Projekts und nicht am Ende.“
Der Wunsch des Gemeinderats nach regelmäßiger Berichterstattung und Analyse in Sachen Fußgängerzone wird die Stadtverwaltung selbstverständlich nachkommen.