Zwei Weilerinnen helfen bei der Flucht
Eine kleine Lücke im 17 Kilometer langen Grenzzaun war das große Tor zur Freiheit für den Berliner Walter Joelson, der als Jude vor dem gnadenlosen Nazi-Regime flüchten musste, um nicht deportiert zu werden. Am 12. September 1943 schaffte er es auch dank mutiger Fluchthelferinnen aus Weil am Rhein in die Schweiz. Seine Mutter und seine Schwester wurden am 1. März 1943, sein Vater am 19. April 1943 nach Auschwitz deportiert. Keiner von ihnen überlebte.
Joelson, der am 7. August 1922 in Berlin geboren wurde, verstarb am 16. März 2015 in Fairfield im US-Bundesstaat Connecticut. In die USA war er fünf Jahre nach seiner Flucht und einem abgeschlossenen Studium ausgewandert. Dort lernte er seine spätere Ehefrau Karen, eine gebürtige Lübeckerin, die 1937 mit ihren Eltern in die Vereinigten Staaten kam, kennen und stieg beruflich bis zum Chefökonom der Firma General Electric auf. In den USA änderte er auch seinen Nachnamen: aus Joelsohn wurde Joelson.
Die heute 94-jährige Karen, Tochter Deborah und Schwiegersohn David Neal begaben sich nun auf die Spuren von Walter. Zunächst nahmen sie an der Verlegung eines Stolpersteins in Berlin zu seinen Ehren teil und rekonstruierten den Fluchtweg durch Deutschland über Weil am Rhein und Grenzach in die Schweiz nach. „Das sind sehr, sehr emotionale Momente. Walter begleitet und ist immer bei uns“, machte David Neal vor dem Rathausbrunnen der 3-Länder-Stadt deutlich.
Zusammen mit Ulrich Tromm, Archivforscher, Publizist und früherer Lehrer an der Mathilde-Planck-Schule in Lörrach, der sich mit persönlichen Schicksalen der Nazi-Zeit im Dreiländereck beschäftigt, wurden Karen, Deborah und David im Rathaus von Oberbürgermeisterin Diana Stöcker empfangen. Diese zeigte sich tief beeindruckt von der Geschichte dieses jungen Mannes, der mit Geschick, Mut, Intelligenz und Glück den Nazis entkommen konnte.
„Am 9. September verließ ich Berlin und fuhr mit dem Zug nach Freiburg, wo ich übernachtete. Am 11. September fuhr ich von Freiburg nach Haltingen und lief nach Weil am Rein, wo ich wieder übernachtete. Am 12. September fuhr ich nach Grenzach und vor dort passierte ich beim Grenzacher Horn die Schweizer Grenze um etwa 21.30 Uhr deutscher Zeit. Ich setzte mich auf eine Bank an der Elisabethenschanze und wurde morgens um 2.50 Uhr von einem Polizisten angesprochen“: das brachte Walter Joelson bei seiner Vernehmung im Territorialkommando Basel am 13. September zu Protokoll.
Und weiter: „Weil ich von den Deutschen verfolgt worden bin als Jude, blieb mir nichts anderes übrig, als in die Schweiz zu flüchten. Denn wäre ich in die Hände der geheimen Staatspolizei gekommen, so wäre ich um einen Kopf kürzer gemacht worden.“
Joelson machte dabei wohlweislich keine Angaben zu seinen Fluchthelfern in Weil am Rhein und Grenzach. Und das aus gutem Grund: Denn Fluchthilfe galt in der Schweiz als strafbares Vergehen, was seinen Status als Flüchtling hätte gefährden können. So wurde der damals 21-Jährige vorübergehend wegen „illegalem Grenzübertritt“ im Basler Lohnhof Gefängnis inhaftiert.
Fast sieben Monate zuvor entging Walter Joelson der sogenannten Fabrik-Aktion - eine der größten Razzien des NS-Regimes gegen Juden während des Zweiten Weltkriegs - gerade so. Am 27. Februar 1943 schlief der Zwangsarbeiter zuhause in seinem Bett, nachdem er zuvor seine anstrengende Nachtschicht in den Deuta Werken verrichtet hatte. Seine Mutter und seine Schwester arbeiteten und wurden von den Nazis nach Ausschwitz gebracht – er sah sie nie wieder.
Joelson, der 1940 sein Abitur noch an einem jüdische Gymnasium machen konnte, wurde gewarnt, ging am nächsten Tag nicht zur Arbeit, sondern tauchte unter. Immer wieder musste er sein Versteck wechseln. Und immer lief er Gefahr entdeckt zu werden. Schließlich musste er sich auch Essen besorgen oder benötigte Geld für die gemieteten Unterkünfte. Nach einigen Monaten bot sich durch einen Berliner Fluchthelfer, einem ehemaligen Staatsanwalt, die Flucht in die Schweiz an.
Die gefälschten Papiere, die ihn als Arbeiter in der Rüstungsindustrie auswiesen, sorgten auf der Fahrt nach Freiburg für einen gewissen Schutz vor Zugkontrollen. Dank eines Netzwerks an Fluchthelfern gelang seine Rettung: Es waren dies die Weilerinnen Adelheid Suger und Luzia Schaub sowie deren Cousin Xaver Beck, der als deutscher Grenzbeamter am Grenzacher Horn diente, das Loch im Zaun kannte und ihnen auch den günstigsten Zeitpunkt für eine Flucht nannte.
Joelson flüchtete gemeinsam mit Margarethe Demme, die in Berlin Jüdinnen und Juden versteckte, und so ebenfalls in den Fokus der Nazis geriet. Sie fanden Zuflucht bei Luzia Schaub in ihrem Haus in der Weiler Gartenstraße. Am 12. September ging es dann weiter nach Grenzach. Dort umwateten sie den in den Rhein hineinragenden Grenzzaun. Der Wasserstand war zu diesem Zeitpunkt glücklicherweise niedrig.
Joelsons und Demmes Wege trennten sich - nachdem sie von der Polizei in der Elisabethenanlage in Nähe des Bahnhofs SBB aufgegriffen wurden - für immer und hatten nie wieder Kontakt. Walter kam in das Internierungslager Büsserach und dann in das Arbeitslager Möhlin. Er durfte unter der Voraussetzung, dass er die Schweiz im Anschluss verlassen würde, an der Universität in Basel Wirtschaftswissenschaften studieren und promovieren. Nebenher arbeitete er in einem Basler Bankhaus, um schließlich im Jahr 1948 in die USA auszuwandern.
„Er war zeitlebens all den Menschen in Deutschland dankbar, die ihm geholfen haben. Sie waren ja einem sehr, sehr großen Risiko ausgesetzt“, meinte Karen, die gemeinsam mit ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn zuvor am Haus in der Gartenstraße war und im Rathaus viele weitere interessante Erinnerungen mit ihren Gesprächspartnern teilte.
„Es ist mir eine große Ehre, sie bei uns im Rathaus begrüßen zu dürfen. Ihre Geschichte beeindruckt und berührt mich sehr“, ließ Stöcker wissen und zeigte sich besonders erfreut darüber, dass aus der Ehe nicht nur zwei Söhne und eine Tochter hervorgingen, sondern auch zehn Enkel und 14 Ur-Enkel.
„Wir sind eine große Familie“, lächelte Karen, ehe sich die Gäste nach Grenzach aufmachten, um dort den Ort des Grenzübertritts zu besichtigen – ein weiterer emotionaler Moment dieser Reise in die Vergangenheit des dunkelsten Kapitels deutscher Geschichte.
